Die Karriere von Katharina Volz aus Erbach verläuft steil. Die junge Wissenschaftlerin leitet in den USA ihre eigene Biotech-Firma und ist als brillante Jungunternehmerin ausgezeichnet worden. Trotz ihres Erfolgs hebt sie nicht ab.

Schwäbisches Tagblatt vom 24.12.2020

Von PETRA LAIBLE

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Dr. Katharina Volz forscht über Parkinson. Foto: Privat

Erbach. Diese Frau ist so ungewöhnlich wie erfolgreich: Bis zur achten Klasse war Katharina Volz in Mathe richtig schlecht, heute forscht die 33-Jährige mit Hilfe Künstlicher Intelligenz und Größen wie dem US-Nobelpreisträger Randy Schekman an einem Medikament gegen Parkinson. Aufgewachsen in der schwäbischen Kleinstadt Erbach, schaffte sie den Sprung an US-Eliteuniversitäten. Die Stammzellenforscherin lebt und arbeitet in Kalifornien und New York. Sie leitet ihr eigenes Biotechnologie-Startup Occamz Razor und hat 2020 den Ritterschlag des wissenschaftlichen Magazins des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (MIT/USA) erhalten: Von 500 Nominierten weltweit zählt sie zu den 35 brillantesten Jungunternehmern, Visionären und Erfindern unter 35 Jahren.

Warum beschäftigen Sie sich mit der Parkinson-Erkrankung?

Katharina Volz: Ich habe zunächst in der Stammzellen-Forschung gearbeitet. Aber als vor vier Jahren ein mir sehr nahestehender Mensch an Parkinson erkrankte, habe ich mein Forschungsgebiet gewechselt. Ich wollte einen Weg finden, um Parkinson zu heilen und zum ersten Mal eine vollständige Karte der Krankheit erstellen – „Parkinsome“, mit allen vorhandenen Informationen darüber, was die Krankheit verursacht, wie sie verläuft und früh diagnostiziert werden kann.

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Katharina Volz – The Human Parkinsome Project

Wie machen Sie das?

Wir arbeiten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) daran, Krankheitsursachen zu erforschen und Medikamente für unheilbare neurodegenerative Krankheiten zu entwickeln. Für Krebs gibt es oft gute Behandlungsmöglichkeiten. Für neurodegenerative Krankheiten wie Parkinson oder ALS müssen wir die konventionelle Entwicklung von Medikamenten überdenken.

Was ist das Problem?

Als ich anfing, über Parkinson zu forschen, fiel mir auf, wie wenig Fortschritte wir beim Verständnis einer Krankheit gemacht haben, die schon 1817 beschrieben wurde. Es gibt nur Medikamente, die die Symptome lindern, nicht aber die Krankheit stoppen oder heilen können.

Woran liegt das?

Der Hauptgrund liegt meiner Ansicht nach darin, dass wir die Komplexität der Krankheit immer noch nicht voll verstehen. Wir sind immer noch zu sehr der Vorstellung verhaftet, dass neurodegenerative Krankheiten vor allem durch die Genetik verursacht werden, und vernachlässigen die komplexen Wechselbeziehungen in der Biologie. Das verzögert die Entdeckung von Wirkstoffen, neue Behandlungsansätze werden möglicherweise nicht entdeckt.

Warum verstehen wir es nicht?

Wir sind als Menschen nicht dazu in der Lage, alle Aspekte einer komplexen Krankheit aufzunehmen und zu verstehen. Wir können nicht ein Experte in allen Bereichen eines Fachgebiets sein. Selbst der klügste Wissenschaftler der Welt kann nur eine begrenzte Anzahl von Publikationen lesen. Allein auf dem Fachgebiet der Neurologie werden jeden Tag mehr als 100 Publikationen veröffentlicht. Kein Forscher kann sie alle lesen.

Können Maschinen das besser?

Glücklicherweise kann Künstliche Intelligenz diese Datenflut bewältigen. Wir haben eine KI entwickelt, die Sachverhalte aus Texten genauso gut herausfiltern kann wie eine große Gruppe Wissenschaftler. Wir haben die KI auf die gesamte wissenschaftliche Literatur und alle uns verfügbaren Datensätze zu Parkinson angewendet. Das sind viele Millionen Datensätze und Erkenntnisse.

Was geschieht mit den Daten?

Wir haben eine Plattform entwickelt, die Krankheiten digital als komplexe Netzwerke darstellt. Wir konzentrieren uns nicht nur auf die Genetik, sondern auch darauf, wie Bestandteile der Zelle, Proteine, Gene, Mitochondrien verbunden sind. Nur so können wir ganzheitlich verstehen, wie die Krankheit funktioniert. Unsere Hauptaufgabe ist jetzt, Algorithmen zu entwickeln, die den wissenschaftlichen Prozess massiv beschleunigen.

Wie geht es weiter?

Einige mögliche Behandlungsansätze haben bei unseren wissenschaftlichen Beratern für reges Interesse gesorgt. Diesen gehen wir nun im Labor nach, um festzustellen, ob sich unsere KI-Hypothesen bestätigen. Wir gehen davon aus, dass es ein paar Anläufe brauchen wird, bis die ersten voll von unserer KI entwickelten Medikamente vorliegen.

Wann rechnen Sie damit?

Die Entwicklung neuer Medikamente bis zur Zulassung dauert viele Jahre. Unsere Technologie soll die Forschung stark beschleunigen und auch die klinische Fehlerrate verringern. Ein Weg zu einer schnelleren Zulassung ist, bereits vorhandene Medikamente auf ihre Eignung als Parkinson-Medikament zu überprüfen. Unser Ziel ist es, bis 2025 erste klinische Studien zu starten.

Was bedeutet Ihnen die Wahl zur „brillanten Jungunternehmerin“?

Public Relations ist natürlich immer gut für eine junge Firma wie Occamz Razor. Wir wurden danach von mehreren pharmazeutischen sowie biotechnologischen Unternehmen und Investoren angeschrieben, die Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet haben. Für mich ist das eine Ehre. Sehr viel meiner Arbeit sieht nie das Tageslicht. Es ist dann besonders schön, wenn man nach Jahren harter Arbeit diese Auszeichnung bekommt.

Wie beurteilen Sie die Förderung von Frauen in der Wissenschaft?

Es gibt leider nicht viele Gründerinnen im Bereich der Biotechnologie und Pharma. Spezielle Förderungen für Frauen gibt es hier nur selten. Ich fokussiere mich nie auf Nachteile, die ich als Frau haben könnte. Alles ist erreichbar, man darf nach Rückschlägen nicht aufgeben und das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Wer arbeitet für Ihr Unternehmen?

Wir haben ein Team von Wissenschaftlern auf den Gebieten KI und Neurologie. Wir beschäftigen aber auch Experten für Medikamentenentwicklung mit viel Berufserfahrung, ebenso Ingenieure und Mitarbeiter in der Unternehmensentwicklung. Zudem arbeiten wir mit Wissenschaftlern in Partner-Laboren zusammen. Wir haben auch ein Beratergremium, dem renommierte Neurowissenschaftler und KI-Wissenschaftler angehören, wie der Nobelpreisträger Randy Schekman.

Können Sie mit Ihrer Arbeit reich werden?

Wer dazu beiträgt, ein wichtiges Problem der Menschen wie die Heilung einer Krankheit zu lösen, wird sich in der Regel finanziell verändern. Als Gründerin und Geschäftsführerin von Occamz Razor zahle ich mir selbst weniger Gehalt aus als meinen Angestellten. Die Millionen, die ich an Stiftungsgeldern oder von Investoren bekomme, landen nicht auf meinem Konto. Ich lebe den Lifestyle einer Neuunternehmerin, die ihr Geld schwäbisch solide einsetzt.

Welche Eigenschaften braucht eine Forscherin unbedingt?

Belastbarkeit und Geduld. Man muss bereit sein, viel zu arbeiten. Mein Fokus liegt heute auf der Geschäftsstrategie und -entwicklung, der Einstellung neuer Angestellter und Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben einen deutschen Forscher, der das Wissenschaftsteam leitet, und einen KI-Wissenschaftler, der das KI-Team leitet. Ich bin täglich in Kontakt mit den beiden und leite das übrige Team.

Können Sie sich vorstellen, Ihre Forschung auch in Europa zu betreiben?

Wir sind im Silicon Valley und in New York City, haben aber auch Mitarbeiter in anderen Städten. Wir werden wahrscheinlich bald einen Standort in Deutschland aufmachen. Europa hat mittlerweile attraktive Angebote für junge Unternehmen, und es wäre natürlich schön, wenn ich öfter mal in die Heimat kommen könnte.

Quelle: https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Ich-moechte-Parkinson-heilen-484198.html

Dank an Heinrich Schmid von der Regionalgruppe Reutlingen-Tübingen für den Hinweis auf diesen Artikel