Vorsicht Depression…

Wenn Menschen im schwarzen Loch einer Depression versinken, kostet der Weg daraus viel Kraft. Alleine schon zum Telefon zu greifen und einen Therapeuten zu finden übersteigt die Fähigkeit der Betroffenen. Viel Anstrengung haben Forscher in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unternommen, um die Therapie von Depressionen weiter zu verbessern. Wenig Beachtung hat man hingegen der Prävention geschenkt. Dabei gilt auch beim Thema Depression: Vorbeugen ist besser als Heilung. Im Idealfall rutscht man erst gar nicht in das dunkle Loch.

Doch mittlerweile nimmt auch die Forschung zur Prävention an Fahrt auf. Erst kürzlich haben Wissenschaftler um den Psychiater Jordan Smoller vom Massachusetts General Hospital mehr als 100 Faktoren untersucht, die das Risiko einer Depression erhöhen oder senken könnten. Der große Schutzfaktor ist der Studie zufolge das Vertrauen in andere Menschen.

„Das passt gut ins bisherige Bild“, erklärt die Psychiaterin Steffi Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health von der Uni Leipzig. „Wir wissen, wie wichtig soziale Integration als Schutzfaktor ist.“ Da sei es naheliegend, dass ein gewisses Urvertrauen in andere Menschen entscheidend dafür ist, sich überhaupt sozial eingliedern zu können.

Ungünstig ist hingegen der Glaube, andere wollten einem immer etwas Schlechtes. Solche hinderlichen Gedanken erschweren die soziale Integration und fördern Depressionen. Diese sind nicht nur Kopfsache. Auch der Körper spielt eine Rolle. Schon länger wissen Forscher um die Bedeutung körperlicher Aktivität.

„Regelmäßiger Sport und viel Bewegung verringern das Depressionsrisiko“

Steffi Riedel-Heller

Das in Studien erworbene Wissen wollen Psychiater und Psychologen in der Praxis Menschen zugutekommen lassen. Häufig setzen Präventionsvorhaben in der Schule an. Der Grund: Depressionen bei Kindern und Heranwachsenden sind ein ernst zu nehmendes Problem. Zudem werden in dieser Lebensphase Weichen für die weitere Entwicklung gestellt, und das Umfeld Schule bietet einen leichten Zugang zur jungen Zielgruppe.

Ein gut untersuchtes Programm ist „Lebenslust mit Lars und Lisa“, das an der Uni Tübingen entwickelt wurde. Es richtet sich insbesondere an Schüler der achten Jahrgangsstufe der Haupt- und Realschulen. Es umfasst zehn Doppelstunden, die von geschulten Lehrenden, Psychologen oder Pädagogen der Schule gehalten werden. Die Schüler sollen unter anderem lernen, übertrieben negative Gedanken wie „Keiner mag mich“ kritisch zu hinterfragen und durch realistischere Gedanken wie „Es gibt viele, die mich mögen“ zu ersetzen.

Das Programm, das bereits an diversen Schulen in Bremen und Baden-Württemberg getestet wurde, soll derzeit nach und nach breit in die Praxis baden-württembergischer Schulen gebracht werden. So vielversprechend die Ansätze oft sind, flächendeckend werden sie in Deutschland bis jetzt meist nicht angeboten. „Präventionsprogramme werden bislang oft im Rahmen von Studien durchgeführt oder lokal angeboten“, weiß die Leipziger Psychiaterin. „Trotz vieler Anstrengungen steckt die Prävention psychischer Störungen in Deutschland noch in den Kinderschuhen.“ Eine der Ursachen: Prävention lohnt sich zwar. Es gebe sie aber nicht zum Nulltarif, meint Riedel-Heller. „Denn Präventionserfolge werden erst langfristig sichtbar.“

Für Menschen, die fürchten, in eine Depression abzurutschen, gibt es aber schon jetzt Möglichkeiten. So bieten Online-Interventionen einen leichten und kostengünstigen Zugang zur Prävention. Ein Beispiel ist MoodGym – „Fitness für die Stimmung“, wie es auf der Homepage heißt. Das Trainingsprogramm greift auf Bausteine der kognitiven Verhaltenstherapie zurück. Nutzer lernen, eigene Denk- und Glaubensmuster zu hinterfragen und schädlichen Gedanken auf die Spur zu kommen wie: „Ich bin einmal durch die Prüfung gefallen, ich werde immer durch die Prüfung rasseln.“ Wollen sich speziell Kinder und Jugendliche gegen eine Depression wappnen, finden sie auf der Website www.corona-und-du.info Hilfreiches.

Gerd Schulte-Körne und seine Kollegen haben viele Empfehlungen zusammengetragen, wie Heranwachsende gelassen mit Corona umgehen können. Vieles davon lasse sich auf Depressionen übertragen, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München. „Wichtig für Kinder und Jugendliche ist es zu erkennen, welche Situationen ihnen Stress bereiten.“

Im nächsten Schritt sollen sie lernen, was Stress mit ihnen macht. Dass er sich etwa negativ auf ihren Schlaf auswirkt, für schlechte Stimmung sorgt oder sie sich angesichts von Stress zurückziehen. „Dann empfehlen wir, etwas Gutes für sich zu tun“, meint Schulte-Körne. „Beispielsweise eine Freundin anzurufen oder bestimmte Musik zu hören.“

Ähnliches gilt für die Erwachsenen. Sie sollten die Dinge und Situationen in ihrem Leben ausmachen, die ihnen großen Stress bereiten. Belastungen am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft, aber auch Überforderungen in der Familie sind häufig echte Stressfaktoren. Und es gilt ganz allgemein: Regelmäßiger Schlaf, regelmäßiges Essen und vor allem ausreichend Sport oder Bewegung helfen, einer depressiven Erkrankung vorzubeugen. Sind Jugendliche oder Erwachsene bereits depressiv erkrankt, sollten sie nicht zögern, sofort adäquate Hilfe aufzusuchen. „Es ist ein beliebter Fehler, die depressiven Phasen erst einmal aushalten zu wollen“, verdeutlicht Schulte-Körne.

Vorsorge lohnt sich

Prävention

Depressionen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Insgesamt sind acht Prozent der erwachsenen Deutschen im Laufe eines Jahres an einer Depression erkrankt.

Kosten

Für die Solidargemeinschaft verursachen depressive Erkrankungen hohe Kosten. So betrugen im Jahr 2015 die Krankheitskosten im Zusammenhang mit Behandlung, Prävention, Rehabilitation und Pflege von Erkrankten in Deutschland 8,7 Millionen Euro. Weitere Kosten entstehen durch depressionsbedingte Fehlzeiten und Frühverrentungen. Investitionen in die Prävention könnten Studien zufolge die Neuerkrankungsrate erheblich senken. Denn Präventionsprogramme sind vielfach effektiv. 

Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 19. April 2021

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