Viele glauben, ich sei betrunken

Parkinson hat das Leben von Schriftsteller Richard Wagner verändert. Ein Interview aus dem Zürcher Tagesanzeiger vom 24.06.2015

Richard Wagner (*1952) ist neben Nobelpreisträgerin Herta Müller, seiner früheren Frau, der renommierteste rumäniendeutsche Schriftsteller. Zur Zeit Ceaucescus gehörte Wagner der subversiven Aktionsgruppe Banat an, die vom Geheimdienst bespitzelt und von der Polizei drangsaliert wurde. Anfänglich Lyriker, wandte sich Wagner nach seiner Migration nach Berlin 1987 der Prosa zu. Zu seinem Oeuvre zählen acht Romane, hinzu kommen zahlreiche Erzählungen und Essays. 
Zuletzt veröffentlichte Wagner «Herr Parkinson», ein Erfahrungsbericht über seine Parkinsonerkrankung. (lsch) (Bild: Kerstin Ehmer )

Rudi Assauer, an Alzheimer erkrankter Fussballmanager, sagte: «Ich habe eine Wut. Es ist die Wut darüber, dass ich nicht mehr mithalten kann.» Ist Wut auch Ihre heftigste Emotion?

Nicht mehr. Ich glaube, ich habe sie überwunden. Ich versuche, die Krankheit zu rationalisieren, mit ihr ins Einvernehmen zu kommen. Zorn bringt nichts. Er richtet die Kräfte eines Menschen auf eine Abstossung der Krankheit, obwohl eine solche Abstossung bei Parkinson nicht möglich ist. Man muss den Istzustand aushalten – und sein Leben danach neu einrichten.

Hoffen Sie noch auf die Medizin?

Vor zwölf Jahren sagte mir ein Arzt: «Halten Sie fünf Jahre durch, Herr Wagner. Dann haben wir das Gegenmittel gefunden.» Heute ist die Rede davon, dass bald ein Medikament auf den Markt kommen soll, das als erstes selbstständig und gezielt wirkt. Natürlich verfolge ich den medizinischen Fortschritt als Betroffener mit Interesse. Zugleich versuche ich aber, mir keine Hoffnungen zu machen, mir kein besseres Leben zu erträumen. Denn solche Hoffnungen bergen grosse Enttäuschungen, werfen einen Kranken innerlich zurück.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zu den Ärzten gewandelt?

Ich war erstaunt zu sehen, wie hilflos auch die Ärzte gegenüber Parkinson sind. Sie stochern mit ihren Diagnosen im Dunkeln, machen ihre Standardtests und bemühen sich unbeholfen um eine Annäherung ans eigentliche Problem. Ausserdem sind sie – und das merkt man, wenn man diese merkwürdige Beziehung genauer betrachtet – dem Patienten ja untergeordnet. Ohne die Kooperation der Patienten können sie rein gar nichts tun. Der Patient ist die am wenigsten kompetente, letztlich aber auch die entscheidende, mächtigste Person im Raum. Ärzte sind deshalb sehr häufig ratlose Götter.

Haben Sie nun einen neuen Blick auf die Gesellschaft?

Als Parkinsonbetroffener kann ich meine Krankheit nicht verstecken. Ich stehe wortwörtlich schief in der Landschaft. Viele glauben, ich sei betrunken; viele schauen verschämt weg. Und was ich immer spüre: Dass ich als Kranker der Gesellschaft zur Last falle. Ich bin für sie Ärgernis und Bedrohung zugleich – wir Kranken werden durch die Überalterung ja immer mehr.

Was wünschen Sie sich, so zum Aussenseiter geworden?

Akzeptanz. Dass die Gesellschaft uns Kranke als berechtigte, selbstverständliche Mitreisende betrachtet. Die heute modische Political Correctness ist dabei wenig hilfreich: Viele tun lieber nichts als etwas Falsches im Umgang mit Kranken, bleiben zur Sicherheit passiv. Das Spontan-Menschliche geht verloren, die Verlogenheit nimmt zu. Das war vor zwanzig, dreissig Jahren noch anders. Der Umgang war entspannter.

Plagen Sie Abstiegsängste?

Es bleiben mir nicht mehr viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Als immobiler Autor habe ich den Anschluss an die Gegenwartskultur verloren. Ich kann keine Konzerte mehr besuchen und nicht mehr ins Kino gehen. Somit kann ich auch nicht mehr darüber schreiben.

Hat das Internet diese physischen Begrenzungen nicht aufgehoben?

Es gibt Leute, die das glauben. Aber das ist falsch. Das Internet ist eine verkünstelte Welt, der entscheidende Dimensionen fehlen: Ich kann hier keine einzigartigen Erfahrungen machen, eine Seite im Internet ist nie eine Rarität. Als Lebenswelt taugt es nicht.

Sind Sie durch die Erkrankung gläubiger geworden? 

Ich bezeichne mich als Christ ohne Kirche. Mein Verhältnis zur Institution Kirche ist durch die Krankheit nicht enger geworden. Aber natürlich drängen sich mir nun die existenziellen Fragen auf. Nicht zufällig widme ich mich jetzt Albert Camus viel intensiver als früher. Beeindruckt las ich auch die Arbeiten des Soziologen Helmut Dubiel, der sich als Erster im deutschsprachigen Raum vertieft mit Parkinson auseinandersetzte. Auch bin ich erst nach der Erkrankung auf den Basler Autor Jürg Federspiel gestossen, dessen literarisches Werk eng mit Parkinson verbunden ist.

Wie verändert die Krankheit Ihr Schreiben? 

Sie wirft mich auf mich selber zurück. Ich kann nicht mehr reisen, was früher einen wichtigen Teil meiner Arbeit darstellte. Der Schriftsteller kann ja immer aus zwei Quellen schöpfen: der physischen Erfahrung und der Erinnerung. Die Krankheit hat mir nur Letztere übrig gelassen. Auch zum Schreibakt musste ich einen neuen Zugang finden: Ich schreibe nun wieder von Hand, weil ich wegen des Zitterns die Buchstaben auf der Tastatur nicht mehr treffe. Leider missrät mir die Handschrift ebenfalls allzu häufig. Auch sie wird zusehends unleserlich.

Gibt es ein grosses Projekt, das Sie noch zum Abschluss bringen möchten?

Es gibt wenig Tragischeres als einen erkrankten Schriftsteller, der in panischer Angst und im Halbbesitz seiner Kräfte noch sein grosses Werk vollenden will. Ich schätze mich glücklich, dass ich mich nicht dazu gezwungen fühle. Ich feile weiterhin an meiner Poesie, das ist mein Beruf. Doch was mein Œuvre anbelangt, sorge ich mich nicht um mein Ende.

Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Viele-glauben-ich-sei-betrunken/story/20282952

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