Alternativen zu Titanoxid sind schon auf dem Markt

Doch ist Titandioxid wirklich so alternativlos? In ihrer Auskunft an die EMA führen die Industrieverbände andere Probleme auf. So könne es eine „mangelnde Bereitschaft“ von Sub-Unternehmern geben: „Wir können nicht versichern, dass unsere Zulieferer solch wichtige Änderungen unterstützen werden“, wird ein Hersteller zitiert. Das liest sich weniger, als könne ein Hilfsstoff aus funktionalen Gründen nicht ersetzt werden.

Auch unsere stichprobenhafte Befragung der Hersteller weckt Zweifel an der Unverzichtbarkeit– und zeigt, dass es offenbar durchaus Möglichkeiten gibt, auf den Hilfsstoff zu verzichten. Etwa bei der Antibabypille: Die Firma Gedeon Richter hat viele Varianten auf dem Markt, so auch Maitalon und Chariva – beide mit Titandioxid. Es schütze den lichtempfindlichen Wirkstoff Ethinylestradiol, erklärt das Unternehmen. 

Doch Gedeon Richter verkauft auch die Pille Desmin, die ebenfalls Ethinylestradiol enthält – aber kein Titandioxid. Zur Erklärung schreibt das Unternehmen, dass es dieses Produkt von einem anderen Hersteller zugekauft habe und dessen Formel schon immer ohne den Hilfsstoff auskam.

Oder das Schmerzmittel Ibuprofen. Zahlreiche Firmen bieten es als Tablette an, in aller Regel mit Titandioxid – auch hier zum Schutz des empfindlichen Wirkstoffs, begründet Ratiopharm-Hersteller Teva für seine Produkte. Erst bei einem später entwickelten, zusätzlich auf den Markt gebrachten Ibuprofen-Lysin-Präparat habe sich der Wirkstoff auf anderem Wege, als Lysin-Salz, stabilisieren lassen. Der Stada-Konzern allerdings hat auch herkömmliche Ibuprofen-Formeln ohneden Hilfsstoff auf dem Markt. Dessen Funktionen ersetze Stada „durch eine Kombination anderer ‚sonstiger Bestandteile‘“, erklärte eine Sprecherin, ohne Details zu nennen

Sein Migräne-Präparat „Sumatriptan Stada“ bietet das Unternehmen dagegen wie viele andere Hersteller auch mitTitandioxid an – während mit „Sumatriptan Hexal“ ein Wettbewerber ohne Titandioxid auskommt

Beim Parkinson-Medikament Madopar von Roche schließlich hängt es von der Darreichungsform ab: Hartkapseln gibt es mit, Tabletten ohne Titandioxid. Die Wirkstoffkombination ist die gleiche, stabilisieren lässt sie sich also offenbar auch auf anderem Weg. Konkrete Fragen zu den Unterschieden wollte Roche nicht beantworten.

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„MedWatch“ kämpft mit Fakten gegen Fakes


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Sendedatum: 12.06.2019 23:20 Uhr  | Archiv

Die Wissenschafts-Journalisten Hinnerk Feldwisch-Drentrup und Nicola Kuhrt betreiben den Blog „MedWatch“ und klären über Fakes im Internet auf.

Vermeintliche Wundermittel gegen Malaria, Herzinfarkt oder Autismus. Panikmache vor Impfschäden. Fragwürdige Heilsversprechen bei Krebserkrankungen – das sind einige der zentralen Themen von „MedWatch„, einem Blog, der versucht, diesen Meldungen gut recherchierte Informationen und Fakten entgegenzusetzen. Betrieben wird er von den beiden Wissenschafts-Journalisten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup. Beide arbeiten seit Jahren auch für etablierte Medien wie den „Spiegel“, die „Zeit“ und die Deutsche Presse Agentur.

„Fake News“ im Medizinbereich kann Menschenleben kosten

Vor zwei Jahren beschlossen sie: Sie wollen an den Skandalen, die sie aufdecken, länger dranbleiben. Nachfragen, ob es zu Prozessen kommt oder ob die Scharlatane der Gesundheitsbranche weiter ihr Unwesen treiben können. So entstand die Idee zu „MedWatch“. Hinnerk Feldwisch-Drentrup: „Fake News im politischen Bereich können die Demokratie gefährden und da für erhebliche Probleme sorgen. Wenn es um Fake News im Gesundheitsbereich geht, dann kann auch schnell ein Leben bedroht sein.“

Dubiose „Gesundheitsinformationen“ im Netz oft sehr prominent

Etwa, wenn todkranke Patienten auf fragwürdige Therapien setzen, die in Wirklichkeit aber gar nicht wirksam sind. Oder wenn Eltern versuchen, den Autismus ihrer Kinder mit einem vermeintlichen Wundermittel zu heilen, das in Wahrheit ein ätzende Chlorbleiche ist. Das Internet ist voll solcher dubioser „Gesundheitsinformationen“. Auch zum Thema Impfen gibt es häufig viel „Mist“, sagt Hinnerk Feldwisch-Drentrup. Und dieser Mist taucht gerne weit oben auf der Trefferliste auf.

Kuhrt plädiert für Kennzeichnung seriöser Inhalte

„MedWatch“ wirbt deshalb bei Google, Pinterest und anderen Social-Media-Plattformen dafür, dass solche Treffer erst weiter unten auftauchen. Zensur, sagt Nicola Kuhrt, sei das aber nicht. „Wenn es an der Grenze ist, wo die Informationen, die vermittelt werden, die Gesundheit eines Menschen bedrohen, dann darf man auch mal nachfragen, zum Beispiel bei diesen Impfseiten, dass die mit so einem Label versehen werden. Wo dann steht: Gute Informationen findest du hier.“

Blog mit Journalistenpreis ausgezeichnet

„MedWatch“ hat kein Redaktionsbüro. Gearbeitet wird im Home Office, um die Kosten niedrig zu halten.

Dass ihr Blog einen Nerv trifft, zeigen die Journalistenpreise, die Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup in der kurzen Zeit ihrer gemeinsamen Arbeit schon bekommen haben, darunter der Netzwende-Award von Vocer, einem gemeinnützigen Verein, der sich kritisch mit Journalismus und Medien auseinandersetzt. Finanziert wird „MedWatch“ durch Crowdfunding, Spenden und Projekte großer Stiftungen. Für die beiden Journalisten fällt dabei jeweils eine halbe Stelle ab, zum Leben reicht es noch nicht.

Wissenschaftlicher Beirat hilft bei der Einordnung

Beide recherchieren, schreiben und redigieren gegenseitig, der Kontakt läuft über E-Mail und Telefon. Dass inhaltlich alles Hand und Fuß hat, dafür sorgt unter anderem ein wissenschaftlicher Beirat, der die beiden Journalisten bei schwierigen Sachthemen inhaltlich berät. Mit dabei: ein Pharmazeut, eine Onkologin und ein Medizin-Rechtsanwalt.

Inhalte sind kostenlos und frei zugänglich – uns sollen es bleiben

„MedWatch“ ist ohne Bezahlschranke zugänglich – und will es auch weiter bleiben. Damit gute Gesundheitsinformationen auch weiterhin für alle Interessierten zugänglich sind. Der Wunsch für die Zukunft: Nicole Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup wollen ein ausgewachsenes Online-Magazin mit mehreren Mitarbeitern werden, um all die Themen aufgreifen zu können, die bislang notgedrungen liegenbleiben.

Weitere Informationen

Das Logo der Website "MedWatch" © Medwatch Foto: Screenshot

„Medwatch“

Zwei Wissenschafts-Journalisten informieren auf der Website „MedWatch“ über medizinische Behandlungsmethoden und klären über Fakes auf. extern

Ein Kind wird mit einer Spritze in den Oberarm gestochen © Flare Film Adrian

Ein Kind wird mit einer Spritze in den Oberarm gestochen © Fotolia.com Foto: stalnyk

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Ein Mann auf einer Liege, im Vordergrund steht ein Arzt im Kittel. © Katja Reise

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.06.2019 | 23:20 Uhr

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